Ausgabe 4_2016
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Im Sport sind die modernen Schauspieler/innen die Athletinnen und Athleten. Die Zuschauer qualifizieren etwa im Fussball, ob die von den Sportlerinnen und Sportlern gezeigten Leistungen lobens- (Beifall) oder verachtenswert (Pfiffe, Buhrufe und Beschimpfungen, ab und zu auch Gewalt) sind. Das erzürnte Publikum ist auch im Stande, zu rebellieren, zu randalieren und gewalttätig zu werden, was einen ehemaligen Klubpräsidenten in der Schweiz einmal zur Anregung verleitete, man könne Fussballspiele ohne Weiteres auch ohne Publikum abhalten, weil die Kosten für die Sicherheit höher seien als die Erträge aus dem Ticketverkauf; unter pekuniären Gesichtspunkten müssten also Fussballspiele ohne Zuschauer stattfinden. Auch die Umkehrkonstellation wurde im Sport schon signifikant manifestiert: Der Sportler zeigt dem Publikum mit entblösstem Hinterteil, was er von diesem hält: nichts – nur Verachtung. Auch solche Gesten gehören in die Rubrik «Publikumsbeschimpfungen». Gemeinhin verkörpert das Publikum jedoch (die) Masse, die Schauspieler/innen und Sportler/innen die Klasse – das Extraordinäre oder die «Elite». Je länger desto mehr wird das aufgeheizte Spannungsfeld zwischen Publikum und Akteuren manifest – wenn das Publikum zu rebellieren beginnt. Auch im Sport. «Football Leaks» zeigt, dass das Publikum aufzubegehren im Stande ist und sich Verhaltens-Demütigungen durch Stars nicht mehr vorbehaltlos gefallen lassen will. Cristiano Ronaldo & Co. werden wegen ihrer Geldgier an den Pranger gestellt. Erweisen sich Fussball-Stars weiterhin als Trickser in Steuerbelangen, dürfte ihnen die Revolte des Publikums sicher sein. Jede Publikumsbeschimpfung wäre hier fehl am Platz. Der Sportler muss seinen Kredit beim Publikum erhalten. Folgt der Sport den Trends in der Politik? Der Kampf zwischen Elite und Fussvolk hat sich in diesem Jahr 2016 jedenfalls akzentuiert. In der Politik ist eine neue Form der «Publikumsbeschimpfung» en vogue – die Folgen für den Sport könnten in dieselbe Richtung zielen.